Psychologie in der Fotografie – 2

Fotografie bedeutet Bildgestaltung. Bildgestaltung bedeutet aber nicht nur fotografisches know-how, dass sich im Erlernen oder technischem Umsetzen der verschiedenen Bildgestaltungsmöglichkeiten erschöpft, sondern auch und vor allem das know-why dieser Gestaltungsmittel. Spätestens dann wird einem bewusst, wie viel Bildgestaltung u.a. auch mit Psychologie zu tun hat.

Legen wir los, aber andersherum: Psychologie-Fotografie-Bildgestaltung.
Psychologie beschäftigt sich u.a. mit dem Verhalten. Das wiederum bedeutet z.B. die Frage, wie entsteht ein Verhalten überhaupt, welche Faktoren üben auf ein Verhalten Einfluss aus, kann ein Verhalten hervorgerufen werden, gesteuert werden, gelenkt, beeinflusst werden –usw.
Was hat das mit Fotografie zu tun ? Nun, was wollen wir denn mit einem Foto erreichen ? Ganz einfach: Aufmerksamkeit bzw. die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen, eines Betrachters. Unser Foto soll erst einmal überhaupt auffallen, beachtet werden. Das ist der erste Schritt. Im zweiten Schritt wollen wir erreichen, einen Betrachter zu steuern – z.B. etwas Bestimmtes im Foto soll von ihm gezielt betrachtet werden. Letztlich wollen wir erreichen, dass ein Betrachter versteht, was wir mit dem Foto zeigen wollen – z.B. unsere Gedanken, unsere Eindrücke, unsere Botschaft oder anders gesagt die Aussage des Fotos.
Und was hat jetzt Bildgestaltung mit all dem zu tun ? Vereinfacht gesagt kann über jedes Bildgestaltungsmittel nicht nur Aufmerksamkeit erregt werden, sondern auch das Verhalten des Betrachters beeinflusst werden.

Genug der Theorie, hier einmal ein ganz einfaches Beispiel dafür, im Zusammenhang auch mit unserer Themenaufgabe „Ein Element“. Vielleicht zeigt euch dieses Beispiel, wie wirkungsvoll das Bildgestaltungsmittel „ein Element“, auch „Weniger ist Mehr“ genannt, sein kann und ihr bekommt Lust, diese Themenaufgabe zu einer Herausforderung für euch selbst und eure Fotografie zu machen.

Nun schaut einmal auf diese Fotos und achtet auf eure Reaktionen dabei !
Vor allem bei dem zweiten Foto !
Was passiert dort „automatisch“ ?
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Beim ersten Foto ist sozusagen gar nichts zu sehen – ein Foto, das nur aus Flächen besteht, das Meer und der Himmel. Lassen wir einmal dahingestellt, ob ein solches Foto überhaupt Aufmerksamkeit auf sich zieht – ein Betrachter hat hier durch die Art der Bildgestaltung (Flächen und Abstraktion) schon optisch nichts, was irgendwie das Auge festhält. Er ist quasi völlig frei, da hin zu sehen, wo er möchte. Außerdem hat er die Möglichkeit, sich als Aussage alles hineinzudenken, was ihm einfällt, frei nach eigener Fantasie oder Erlebtem. Als Fotograf können wir hier „nur“ Aufmerksamkeit erreichen, aber dann nichts weiter beeinflussen, steuern, lenken, wie auch immer. Wer so etwas so fotografiert, will dies auch gar nicht – denn sonst hätte man anders fotografiert.

Beim zweiten Foto werdet ihr dagegen „automatisch“ auf den einen Punkt gelenkt, das Segelboot. Durch die Bildgestaltung hier (Bildgestaltung mit einem Element) werdet ihr vom Fotografen gezielt optisch dahin gesteuert, sich mit dem Segelboot zu beschäftigen. Eure Augen kommen davon gar nicht mehr richtig los, sie erfassen nicht nur als erstes das Segelboot, sondern setzen dies auch in einen Zusammenhang mit dem Meer und der Küste und kehren immer wieder zum Segelboot zurück. Im Gegensatz zum ersten Foto gibt es die Freiheit, euch anzusehen, was ihr wollt, nicht mehr – das optische Steuern (Lenken der Augen auf den einen Punkt) beeinflusst euer Verhalten. Und damit entfällt zeitgleich auch eure Freiheit, was auch immer in das Foto hinein zu denken, so wie dies im ersten Beispielsfoto möglich ist. Stattdessen beschäftigt ihr euch mit einer Aussage (Segelboot auf dem Meer), die der Fotograf euch vorgibt. Was ihr dabei konkret im Einzelnen empfindet, das richtet sich immer noch nach euch selbst, sei es, dass ihr damit Urlaub verbindet, Freizeit, Sport, die Weite des Meeres usw. usw. Aber egal, was ihr im Detail mit dem Motiv an Gedanken, Gefühlen usw. verbindet, es bleibt generell dabei, dass ihr durch den Fotografen insgesamt in eurem Verhalten beeinflusst worden seid. Dass hier eine vom Fotografen gesteuerte visuelle Kommunikation mit euch vorliegt.

 

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