Das Sehen lernen durch den Sucher

Das „Sehen lernen“ durch den Sucher ist wohl eine der größten Herausforderungen für uns Fotografen.

Wenn wir durch den Sucher schauen, dann können wir einige Dinge nicht wahrnehmen. Zu Hause stellen wir dann fest, dass dort Dinge im Foto sind, die es doch in Wirklichkeit / dort vor Ort gar nicht gab.

Oder wir zeigen unser Bild bei einer Bildbesprechung und dürfen uns anhören, dass man den Hintergrund etwas unschärfer machen könnte, dass man da einen Gegenstand weg stempeln könnte, usw. All dies war doch gar nicht wirklich so, als wir durch den Sucher schauten.

Warum haben wir das nicht gesehen ?

Warum haben wir nicht eine andere Blende gewählt ?

Warum haben wir den Ausschnitt nicht anders gewählt ?

Warum sind wir nicht zwei Schritte zurück gegangen ?

Warum haben wir nicht anders das Zoom verwendet ?

Eine Ursache liegt im Sucher selbst. Viele Kameras zeigen uns nicht den 100% Ausschnitt, den wir später eigentlich auf dem Bild haben. Dies kann Vor- und Nachteile haben. Klar können wir ja am Rechner beschneiden – kein Problem.

Vorteil hier – wir können exakt und in Ruhe unseren Ausschnitt wählen / wir haben außen noch genug Fleisch, damit etwas nicht zu dicht an die Kante gerät, wenn wir evtl. auch noch gerade richten müssen.

Nachteil hier – wir haben zusätzliche Arbeit. Wir müssen ein Werkzeug wählen und haben dann sogar noch einige Entscheidungsmöglichkeiten.

Hinzu kommt ja auch noch die Wahrnehmung, wo uns das Gehirn einen Strich durch die Rechnung macht. Nicht nur diese störende Objekte, welche wir nicht wahrnehmen (da wächst ja eine Telegraphenmast aus meiner Freundin), nein vor allem Farben werden von unserem Gehirn anders/intensiver interpretiert. So passiert es schon mal, dass wir die Sättigung in einem Bild so extrem anheben, dass die Farben eigentlich nur noch ein buntes Wirrwarr sind.

Des Weiteren kommen noch Gefühle, Erinnerungen, Gerüche und weitere Dinge hinzu, welche wir mit unseren Sinnen wahrnehmen.

Wer hat nicht schon mal nach geraumer Zeit Urlaubsbilder betrachtet und sich gefragt, was das alles soll. Ok, bei einigen kommen noch Gefühle und Erinnerungen hoch, aber bei anderen eher Langeweile. Schlimm vor allem bei solchen Urlaubsbildern sind die Bilder für Freunde, denen man die Urlaubssammlung präsentiert und von einem schönen Urlaub schwärmt. Die Freunde waren nicht mit, sie hatten nicht die Eindrücke von der Umgebung, sie sind meist von den Bildern gelangweilt und fragen sich, warum man da Urlaub machen sollte.

Das Lernen, diese Gefühle auszuschalten, steht eigentlich im Vordergrund, wenn man interessante Bilder erschaffen möchte. Bei jedem Bildaufbau muss man versuchen, sich die Zeit zu nehmen und so gefühllos wie möglich die Gegend, die Person und das Bild im Sucher zu betrachten.

Vor allem sollte man sich angewöhnen, die Abblendtaste zu benutzen, damit man mal die Tiefenschärfe sieht, die man durch die gewählte Blende bekommt. Wir schauen ja ständig bei Offenblende durch den Sucher, und somit ist ja auch bei gewissen Objektiven der Hintergrund recht unscharf, und störende Objekte fallen nicht wirklich auf oder gehen gar völlig unter. Aber hoppla, wir haben ja Blende acht, was macht denn der Pfahl da im Kopf von meiner Freundin ?

Fällt uns dieses erst zu Hause am Bildschirm auf, dann fängt die Arbeit an, die wir hätten vermeiden können, wenn wir uns ein wenig mehr Zeit genommen hätten. Oder wir können das Bild mal pauschal als Müll abstempeln und die „delete„-Taste drücken, weil sich unser Objekt nicht mehr vom Hintergrund abhebt, sondern in einem scharfem Chaos verschwindet.

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