Bildgestaltung – Arbeiten mit dem Zufall

Es gibt bekanntlich jede Menge Diskussionen über die Bildgestaltung und immer wieder insbesondere die Diskussion um die sog. Bildgestaltungsregeln, ja oder nein. Sehr oft wird gesagt oder in Kommentaren geschrieben, dass man z.B. die Regel des „goldenen Schnitts“ einhalten muss/sollte, dass man ein Bildelement hier oder dort platzieren muss/sollte, dass man ….muss/sollte.

Aber muss/sollte man dies wirklich ? Ist es überhaupt möglich von einem „muss“ oder „sollte“ in der Kunst zu sprechen, zu der ja auch die Fotografie gehört ? Wie auch immer, hier möchte ich euch einmal ein erstes Beispiel einer Bildgestaltung zeigen, die wesentlich durch das Fotomotiv selbst geschaffen wurde. Bei der deswegen so gut wie keine Bildgestaltungsregeln möglich waren, sondern der Zufall.

Schauen wir einmal auf dieses Foto hier, eine abstrakte Komposition mit Linien, Elementen, Flächen und Farben.

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Dies hier ist die Wasseroberfläche der Ostsee (die blauen Flächen), auf der sich die berühmte Stockholmer Nationalgalerie spiegelt (die gelb, gold, beige und schwarzen Flächen/Elemente). Ich entdeckte diese Szene zufällig, als ich auf das Wasser schaute. Die Wasseroberfläche war niemals ganz und gar ruhig, immer wieder kamen kleine Wellen, es gab eine ständige Bewegung, die mal mehr und mal weniger war. Es faszinierte mich sehr, die Spiegelungen der Nationalgalerie zu beobachten, die sich immer wieder veränderten und die z.B. mal scharf mit Konturen, dann wieder völlig weich und verschwommen erschienen.

Ich beschloss daher, von dieser Szene einige Fotos zu machen. Was aber ist bei einem solchen Fotomotiv nun mit den sog. Bildgestaltungsregeln, der Frage, ob man sie befolgen muss/sollte ?
Mit einem sich ständig bewegenden, sich verändernden Fotomotiv selbst und ohne dass ich irgendeinen Einfluss auf diese Dynamik gehabt hätte, war es ganz klar, dass hier nur an einige elementare „Regeln“ gedacht werden konnte. Die Hauptgestaltung aber würde durch das Fotomotiv selbst erfolgen. Nicht durch „Regeln“, sondern per Zufall und entsprechende Reaktion darauf (Reaktionszeit und Auslösen).

Natürlich konnte ich folgende grundlegende „Regeln“ wählen, besser gesagt, folgende Entscheidungen treffen vor der Aufnahme:
– die Wahl des Formates (Hochformat oder Querformat z.B.)
– die Wahl der Brennweite
– die Wahl der Blende usw.
Schon diese Auswahl und Entscheidungen sind sehr wichtig bei jeder Bildgestaltung. Sie sind auch bildgestalterische Elemente und nicht nur rein technische Begleitfragen, also reine Kameratechnik selbst.

Aber dann blieb mir quasi nur noch übrig, durch den Sucher zu schauen, zu beobachten und abzuwarten, was sich zufällig für eine Einteilung ergab und darauf zu reagieren dann. Also zu versuchen z.B., so viele Elemente wie möglich im Bildausschnitt festzuhalten.
Und wenn mir der Bildausschnitt so dann nicht gefiel, blieb mir nichts anderes übrig, als darauf zu warten, ob durch die Wasserbewegungen ein neues Spiegelbild entstehen würde.

Hier war also eindeutig das Fotomotiv selbst der Hauptfaktor bei der Bildgestaltung. Alles hing von den Wellenbewegungen ab und mir blieb nur eine Gestaltung durch Abwarten und Reagieren oder evtl. durch eine neue Auswahl von Format, Brennweite, Blende oder auch Belichtungszeit. Die Wasseroberfläche aber scherte sich keinen Deut um Bildgestaltungs“regeln“. Sie befolgte solche ganz eindeutig nicht.

Dies ist ein Beispiel dafür, dass Gestaltung auch auf ganz anderen Elementen beruhen kann als „Regeln“ – auf dem Zufall und der Reaktion darauf.

 

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